Die vergessenen Wände

Wenn ich mich über etwas nun wirklich überhaupt nicht beschweren darf, dann darüber, dass ich zu wenig zu tun hätte. Neben meinem eigentlichen Berufsleben habe ich noch diverse Nebenprojekte und diese haben immer mit der Fotografie zu tun… und trotz Vollbeschäftigung überlegt man immer weiter, ob es noch etwas gibt, dass es Wert ist getan zu werden.

Doch bei der Fotografie ist das ein wenig mühselig, denn wenn man privat unterwegs und nicht aufs fotografieren aus ist, hat man eben meist nicht seine Ausrüstung dabei. Daher kommt ja auch die fotografische Weisheit:

Welches ist die die beste Kamera der Welt?

Immer die, die man auch dabei hat.

Und ich habe meine großen und schweren Kameras eben nur dabei, wenn ich auch bewusst zum Fotografieren losziehe, aber wenn mir einfach so im Alltag mal was vor die Augen kommt, dann eben nicht.

Gerne hätte ich dafür ein Handy, mit einer richtig tollen Kamera. Ich schwärme vom Z5 oder anderen Geräten, aber ich fühle einfach einen inneren Widerstand mehr als 150 Euro für ein Gerät auszugeben, mit dem ich sonst nichts mache außer zu sprechen und ein wenig zu tippen. Mein aktuelles Gerät (ein Lumia 640 Dual Sim Windows Phone) hat ohne Vertrag gerade mal Euro 120,- gekostet und reicht mir völlig (mit der Einschränkung, dass es eben kaum Apps gibt).

Nun, jedenfalls habe ich mir schon länger ein wenig Gedanken darüber gemacht, dass ich quasi nur noch ausgesuchte Fotogeschichten fotografiere (also z.B. die Shootings mit meinen Models) aber auf der anderen Seite einfach viel zu wenig spontane Fotografie mache.

Natürlich würde mir bei sowas sofort die Street Fotografie als Kompromiss zwischen Spontanität und geplanter Fotobeschäftigung in den Sinn kommen, aber das ist in Deutschland eben so eine Sache. Solange ich Bodengitter, Kanaldeckel, Laternen, Geländer, Brücken, Zebrastreifen und Fahrbahnbegrenzungen fotografiere ist (meistens) alles problemlos. Früher oder später will man aber auch das Leben auf der Straße fotografieren und dann geht es eben auch schnell um Menschen und KFZ-Kennzeichen und schon sind wir mitten drin im dichtesten preußischem Paragraphendschungel was die Rechte Dritter angeht.

Man stelle sich vor, ein fremder Fotograf fotografiert einfach spontan und ungefragt ein ihm fremdes kleines Kind auf der Straße im Großformat…. heutzutage…. so gut kann seine Rechtsschutzversicherung gar nicht sein, als dass ihm das nicht schon sehr bald sehr leid tun könnte.

Die Street Fotografie ist einfach ein Gebiet, in dem man sich nicht mehr so austoben kann, wie ich das gerne tun würde und wie man das noch von den Fotos aus den Jahrzehnten der analogen Schwarz/Weiß-Fotografie kennt, weil wir mit zunehmender Digitalisierung und Verbreitung eben auch immer stärkere Schutzrechte für Menschen brauchen.

Vor ein paar Wochen habe ich mit einem Model während eines Shootings über dieses Thema gesprochen und ich meinte dann (eigentlich eher im Scherz), dass ich eigentlich nur noch anonyme Wände fotografieren dürfte ohne vorher ein mehrseitiges Vertragswerk aufsetzen und unterschreiben lassen zu müssen. Diese – natürlich etwas übertriebene – Darstellung blieb mir aber irgendwie im Kopf.

Wände.

Es gibt sie überall und wir laufen ständig an ihnen vorbei (oder auch mal auf eine zu) und es gibt zwar viele Fotografen, die Wände z.B. als perspektivische Linie nutzen oder die Graffitis, Sprüche und Schilder darauf fotografieren, aber auch dabei ist die Wand nur der tragende Hintergrund.

Ich hab mir dann in der Folge überlegt, wie wäre es einfach wirklich nur die Wand an sich zu fotografieren… ein kleines Stück davon… eigentlich ein quasi nichtssagendes Stück, das gerade so viel Informationen bietet, um eben erkennen zu können aus welcher Struktur die Wand besteht?

Das klingt vielleicht nach einer sehr dummen oder bestenfalls minimalistisch-dummen Idee, aber was wäre, wenn man das nicht nur mit einer Wand macht oder mit zwei, sondern mit tausenden und sie in einer Galerie zusammenstellt? Wäre dann nicht schon allein durch die dauerhafte/beharrliche Um- bzw. Durchsetzung aus einem solchen Thema mehr geworden, als es so ein kleines dummes Einzelbild jemals sein könnte?

Diese Frage hat mich in der letzten Zeit mehrfach beschäftigt und weil ich zu dem Schluss gekommen bin, dass es nur eine Möglichkeit gibt die Antwort auf diese Frage herauszufinden, habe ich mich entschlossen es einfach zu tun und mich dafür der Dienste von Instagram zu bedienen.

Seit wenigen Tagen gibt es daher dort eine neue Adresse, der man schon im Namen entnehmen kann, dass sie sich viel vorgenommen hat:

==> https://www.instagram.com/tenthausand.walls

Soweit so gut. Die ersten Bilder sind drin – aber dennoch gibt es ein Problem. Ein großes Problem sogar, an das ich vorher noch gar nicht gedacht hatte: ich muss in Zukunft auch ständig daran denken, dass ich ein Foto von einer Wand mache, wenn ich irgendwo an einem Ort bin, den ich noch nicht „abgewandet“ habe.

Das ist verflucht schwer, wie ich inzwischen weiß.

Nehmen wir einfach mal einen der letzten Tage als Beispiel: ich war Zuhause (die Wand hab ich schon), dann im Büro (nicht daran gedacht), dann auf dem Weg zum Außentermin kurz an der Tanke (nicht daran gedacht) und später vor Ort in Ennigerloh in einer Halle (nicht daran gedacht), dann kurz im Imbiss (nicht daran gedacht) und nach der Arbeit kurz im Supermarkt (nicht daran gedacht).

Erst am Abend, als ich kurz vor Mitternacht ins Bett ging, fiel mir ein, dass ich allein heute mindestens vier oder fünf Bilder hätte machen können… und seien wir ehrlich: länger als 10-20 Sekunden hätte das nicht gedauert… ABER ich hätte eben daran denken müssen.

Das wird die eigentliche große Aufgabe sein um irgendwann einmal auch dem Titel des Werkes gerecht zu werden: immer daran denken, denn ein Handy hat man ja eigentlich immer in der Tasche.

Ich bin jedenfalls gespannt was aus diesem Vorhaben wird und ob ich das entsprechend auch so durchhalte, wie ich mir das heute denke. Vielleicht aber noch ein Gedanke noch zum Schluss…
Ich glaube, es ist kaum mehr möglich in der Fotografie noch Dinge zu tun, die nicht jemand schon vor einem getan hat… vielleicht besser, vielleicht schlechter… aber eben doch bereits getan.
Ich bilde mir daher nicht ein, der Erste zu sein, der auf so eine (dumme) Idee kommt… aber ich habe sie doch zumindest für mich allein entwickelt ohne von einem anderen Projekt (das ich eigentlich nur abkupfere) „inspiriert“ worden zu sein.

Dennoch: zuerst nannte ich es 1000walls (also eine Null weniger), bis ich dann in Instagram entdeckte, dass es bereits eine Firma mit diesem Namen gibt und natürlich auch mit dem entsprechenden Hashtag… also hab ich bei mir jetzt eine Null drangehängt. Jetzt ist also irgendein Ami da drüben auf der anderen Seite des großen Teichs schuld daran, dass ich mir die zehnfache Arbeit machen muss. Danke auch!

OK, 999walls wäre auch eine Option gewesen, aber ich finde Zahlen, die aus Neuen statt aus Nullen bestehen, fehlt irgendwie der epische Glanz.

In diesem Sinne: ab an die Wand!
Euer Oliver von Allsvartur.de

Allsvartur

People – Fotograf mit kostenlosen Shootings in Hamm