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Foto: Allsvartur.de

Gegen den Beton in den Köpfen

Was sich dieser Tage immer mehr in unserem Land abspielt, macht mir regelrecht Angst wohin es mit unserer Gesellschaft führt und mich treibt der Gedanke um, ob wir Deutschen wirklich und wahrhaftig so blöde sind, die dunkelsten Kapitel unserer Geschichte (von denen wirklich JEDER weiß, wohin sie führten und wie sie endeten) wiederholen zu lassen.

Ich habe mich schon als Jugendlicher immer gefragt, wie es in den 1930er Jahren nur soweit kommen konnte, dass so ein kleiner narzisstisch gestörter österreichischer Schreihals an die Macht kam. Dabei verwehre ich mich seit je her, wenn ich von der „Machtergreifung der Nazis“ höre oder lese. Dieser Begriff macht mich stinksauer, denn ich empfinde ihn als geschichtsverfälschend. Die Nazis haben die Macht nicht ergriffen (ok, sie haben es versucht … einige Jahre zuvor in München bei einem dilettantischen Putsch), aber in den 1930er Jahren haben sie die Macht nicht „ergriffen“, sondern sie wurden gewählt, ganz offiziell gewählt und das von Mal zu Mal mit immer größeren Mehrheiten bis sie irgendwann so stark waren, dass es zu spät war, dieses noch einmal rückgängig zu machen.

Und genau diese Anfangszeit von damals erinnert mich fatal an unsere heutige Gegenwart, in der sich die politisch Unfähigsten zu mobilisieren beginnen, während sich ein Großteil der intelligenteren Masse gar nicht erst für die politische und gesellschaftliche Situation interessiert. Bei vielen Gelegenheiten vermisse ich bei meinen Mitmenschen die Zivilcourage und überhaupt jegliches Interesse an der aktuellen Entwicklung.

Es drängt sich mir der Eindruck auf, als sei für die jüngeren Jahrgänge in unserem Land das Erscheinungsdatum des nächsten iPhones oder der Termin der nächsten GamesCon wichtiger, als das, was sich hier tut und was (wenn es schlecht ausgeht) ihr eigenes Leben lange Zeit negativ prägen wird.

Dabei will ich gar nicht verteufeln. Ich sympathisiere mit all den Menschen, die inzwischen eine unsägliche Wut im Bauch haben, weil sie sich nicht gehört und schon gar nicht vertreten fühlen, von denen die da in Berlin Politik machen. Dass die Politik den Anschluss an die Menschen verloren hat und dass die politische Kultur in unserem Land einer Verdrossenheit weichen musste, ist nicht die Schuld des kleinen Mannes, sondern in der Hauptsache der politischen Elite, die vergessen hat worin ihr eigentlicher Auftrag liegt und die sich mehr um die Besitzstandwahrung der eigenen Angelegenheiten und derer, die sich mit Geld und Einfluss Gehör verschaffen können, kümmert.

Ich habe Verständnis für viele Ängste der Bürger da draußen und nicht wenige dieser Ängste teile ich auch selbst oder halte sie zumindest für nachvollziehbar oder gar faktisch berechtigt.

Ich bin auch der Meinung, dass straffällig gewordene Flüchtlinge kein Aufenthaltsrecht mehr haben sollten uns zurückgeschickt werden sollten, selbst wenn ihr Land nicht sicher ist.
Ich bin auch der Meinung, dass hier niemand etwas verloren hat, der aktiv gegen unsere Gesellschaftsordnung (Demokratie, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit) vorgeht.
Ich bin auch der Meinung, dass wir unsere Alten und Kranken ein würdevolleres Leben garantieren müssen.
Ich habe auch inzwischen in einigen Gegenden zu bestimmten Abend- und Nachtzeiten kein Sicherheitsgefühl mehr.
Ich habe auch Angst davor, in zehn oder zwanzig Jahren vielleicht nicht mehr meinen eigenen Glauben leben zu dürfen.

Das alles sind Punkte, bei denen ich mich selbst nicht von einer inneren Betroffenheit freisprechen kann und ich bin mir auch selbst im Klaren darüber, dass ein großer Teil meiner Ängste und Sorgen vermutlich faktisch weit weniger begründet sind als sie sich im Moment für mich anfühlen …

ABER Herrschaften: für eine Sache habe ich eben KEIN Verständnis (ganz gleich wie sehr einen die Angst umtreibt) und zwar wie man sich deshalb mit Leuten einlassen kann, von denen jeder WIRKLICH einmal in Ruhe nachdenkende Mensch, doch genau weiß, dass diese die Angst der Menschen nur für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren und ausnutzen, aber nicht einmal im Ansatz in der Lage oder Willens sind, etwas dagegen zu tun. Diese Leute interessiert nur eure Angst, weil sie ihnen nützlich ist um Macht zu gewinnen. Mehr liegt ihnen nicht an euch. Und je mehr Angst ihr euch machen lasst, umso besser ist das für sie.

Daher kann ich es nicht verstehen, wenn nun „ganz normale“ Bürger in Demos skandieren, dass sie das Volk wären, während sie gleichzeitig Leute neben sich herlaufen lassen, die den Hitlergruß zeigen. Benutzt doch einfach mal eurer Hirn! Wenn ich mit einer Sache nicht zufrieden bin, so steckt da die Logik darin, mich einer anderen Sache, die (historisch bewiesen) für unser Land noch viel übler war, an den Hals werfe????

Und gerade an die Bürger in den neuen Bundesländern, die sich ungefähr in meinem Alter befinden oder älter sind als ich: IHR müsstet doch besser als alle anderen verstehen können, wie das ist, wenn man in einem Land leben muss, das wirtschaftlich am Boden liegt und das seine Bürger nicht achtet!? Schaut euch die Szenen des Mauerfalls 1989 auf Youtube noch einmal an und schaut wie euch selbst die Freude im Gesicht stand… und dabei musstet ihr (geographisch) nur wenige hundert Meter Grenze übertreten und nicht tausende von Kilometern durch halb Europa wandern oder das Meer überqueren! Denkt an eure eigene emotionale Geschichte und denkt daran, dass wir (Westdeutschen) damals auch nicht „Abknallen“ zu euren Grenzern riefen, wie das „Volk“ in Chemnitz dieser Tage „Absaufen lassen“ skandierte.

Wut darf sein. Wut MUSS auch sein dürfen, denn Wut ist der Wille zur Veränderung. Aber es muss die RICHTIGE Veränderung sein, denn DUMMHEIT … nein!

Wut darf niemals durch DUMMHEIT ersetzt werden.

Es liegt an uns, was aus dieser Welt wird. Es liegt an mir, aber auch an dir ganz persönlich. Jeder trägt seinen Teil dazu bei, selbst wenn er nichts tut… nur hier ist das Problem, dass die Schreier und die Hassredner von denen, die nichts tun, profitieren. Also ist nichts zu tun, fast genau so schlimm, wie diesen Leuten zuzusprechen. Genau deshalb ist es wichtig zumindest Position zu beziehen und zumindest seine Meinung zu sagen – solange man das noch tun darf, denn wenn DIE an die Macht kommen, ist das erste was sie tun, den anderen die Meinungsfreiheit zu nehmen (von der sie selbst bisher immer so gerne Gebrauch machen).

Also macht den Mund auf, wo ihr Intoleranz seht – ganz gleich ob es gesellschaftliche oder religiöse Intoleranz ist. Bezieht Position und kuscht nicht. Seid erwachsen genug eine eigene Meinung zu haben und nutzt dafür eurer Gehirn und lasst euch nicht von der Propaganda blenden.

Und es ist sooo einfach: stellt die, die Hass und Intoleranz predigen doch einfach ins Abseits und zeigt ihnen, wie es ist, wenn man geachtet wird und dafür muss man nicht mehr tun, als unter ein Hassposting im Internet einfach mal eine intelligente Rückfrage zu stellen oder auch einfach mal die Freundschaft in Facebook zu lösen, wenn eine Person sich zum virtuellen Nazi oder zum Fundamentalisten entwickelt. Egal wie wenig ihr tut, aber tut etwas! Eure Kinder werden es euch eines Tages danken.

Dieser Beitrag entstand nicht nur in Hinsicht auf die rechtsradikalisierende Entwicklung der letzten Zeit, sondern auch weil ich persönlich angegangen wurde, weil ich bereits vor längerer Zeit in einem Beitrag erklärt hatte, keine Models zu fotografieren, die rechtsradikales Gedankengut pflegen oder propagieren/teilen/posten (ursprünglicher Anlass: weil ich mich weigerte ein Model zu fotografieren, das rechtsradikale Tattoos auf seiner Haut trug).